Gastbeitrag
Autor: Dr. Michael Berndt
Lizenz: CC BY-ND

 

Immer häufiger wird über ein Grundeinkommen diskutiert und das ist wichtig und gut. Dennoch höre ich solchen Diskussionen nicht mehr gerne zu. Warum? Weil immer wieder die gleichen Fragen auftauchen und diskutiert werden: Wo soll das zusätzliche Geld herkommen? Arbeiten dann noch genügend Leute? Wer macht ungeliebte Arbeit? Fragen und Ängste einer Gesellschaft, die sich über Geldverdienst und -vermögen definiert.

Aber es braucht kein „zusätzliches“ Geld. Schon heute ist in unserer Gesellschaft jeder grundabgesichert. Und gesellschaftliche Leistungen werden über Geld bewertet – manchmal mit Null Euro – und über Geld miteinander verrechnet. Handelsbilanz und ausländische Kapitalflüsse einmal außer Acht gelassen. Es ist also alles nur eine Frage der Bewertung und Verrechnung von gesellschaftlichen Leistungen.

Arbeiten dann noch genügend Leute? Man muss sich schon fragen, welches Menschenbild sich hinter dieser Frage versteckt. „Arbeiten“ zum Beispiel Mütter und Väter, die Kinder groß ziehen und den Haushalt führen, etwa nicht? Ist ehrenamtliche Tätigkeit keine „Arbeit“. Möchte nicht jeder gesellschaftliche Anerkennung und sich also konstruktiv gesellschaftsfördernd einbringen? Das, was in einer Gesellschaft wertgeschätzt wird, wird auch getan werden! Und wenn sogenannte ungeliebte Arbeit gesellschaftlich anerkannt und wertgeschätzt wird, ist sie nicht mehr ungeliebt. Ist eine existenzangstbefreite Gesellschaft nicht zudem viel kreativer, gesünder, „produktiver“, … ? Ich glaube ja.

Vergangene und aktuelle Versuche zu einem Grundeinkommen gehen der Frage nach, wie sich einzelne Mitglieder einer Gesellschaft verhalten, wenn sie ein Grundeinkommen erhalten. Solche Versuche liefern Erkenntnisse und können dazu führen, Vorbehalte gegen die Einführung eines Grundeinkommens zu verringern. Doch einen wichtigen Aspekt können sie nicht beleuchten: Es ist ein Unterschied, ob ich im aktuellen Leben plötzlich ein Grundeinkommen erhalte oder ob ich mit allen anderen zusammen mit einem Grundeinkommen aufwachse und anschließend gesellschaftlich wirke. Gerade die Frage, wie sich eine Gesellschaft verhält, in der alle von Anfang an ein Grundeinkommen erhalten, ist aber letztlich die entscheidende und muss auch diskutiert werden.

In Diskussionen über ein Grundeinkommen wird häufig versucht, das Grundeinkommen in das heutige Wirtschafts-, Steuer- und Sozialsystem zu pressen. Aber brauchen wir nicht ohnehin eine Diskussion über unsere zukünftige Gesellschaftsform? Eine Gesellschaftsform, die nicht mehr den Lebensraum der Menschheit zerstört, die vom ungehemmten Rohstoffverbrauch zu einer möglichst umfassenden Kreislaufwirtschaft übergeht. Eine Gesellschaft, in der die Existenz und gesellschaftlichen Teilhabe eines jeden gesichert ist – und das letztlich weltweit. In einer solchen Gesellschaft kann ein Grundeinkommen ein wesentlicher Bestandteil sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Die Vision einer solchen Gesellschaft und der Weg zu ihr, sollte der nächste Diskussionspunkt sein. Und die Diskussion über ein Grundeinkommen wird darin auch ihren gebührenden Platz finden.