Diskussion

Klaus Benndorf: Berufspraktika – Eine Chance für die Praktikanten oder ein Geschäftsmodell der Unternehmen

Um es vorweg zu sagen, es ist beides. Und so sehr die Chance für die Praktikanten zu begrüßen ist, umso kritischer muss man deren Einbettung in die Firmen und in die Arbeitsprozesse betrachten. Eine praxisorientierte Ausbildung ist zu begrüßen, die Grenze zu Ausnutzung aber schnell überschritten. Viele Praktikanten übernehmen die gleichen Aufgaben wie feste Mitarbeiter, häufig werden Verträge wieder und wieder verlängert und finanziell sind Praktikanten überwiegend am unteren Ende der Lohnskala angesiedelt. Umso erstaunlicher, dass Praktikantenverträge in der öffentlichen Wahrnehmung nicht existieren und bei der Diskussion um Mindestlohn und Arbeitsrecht kaum beachtet werden. Aus diesem Grund habe ich für den Bundesparteitag in Bochum einen Antrag gestellt, der versucht dieses Defizit aufzulösen.
Das Thema ist komplexer, als man es auf den ersten Blick vermutet. Und ganz sicher darf man es nicht auf die Pflichtpraktika von Schülern und Studenten beschränken. Nach dem Studienabschluß oder nach einer beruflichen Fortbildung sind freiwillige Praktika beliebt, da sie dem Praktikanten und dem potentiellen Arbeitgeber die Chance geben sich kennen zu lernen und später möglicherweise einen festen Arbeitsvertrag zu schließen. Es gibt aber gerade bei den Berufsanfängern viele, die, durchaus zurecht, Angst vor einer Lücke im Lebenslauf haben und unter diesem Druck bereit sind, Praktikum an Praktikum zu reihen und dabei alle Konditionen zu akzeptieren. Je schwerer es ist einen Praktikumsplatz zu bekommen, umso eher wird die Bereitschaft hierzu da sein. Und das wird ausgenutzt. Es gibt nicht wenige Firmen, die bestimmte Aufgaben ausschließlich von Praktikanten erledigen lassen. Mit minimalen Kosten und ohne längerfristige Verpflichtungen einzugehen. Irgendwann verfließen die Grenzen zwischen Praktikum und regulärer Berufstätigkeit. Es gibt  Beschäftigungsverhältnisse, die sich nicht mehr eindeutig einordnen lassen. So werden in der Gastronomie massiv ausländische Praktikanten eingesetzt, aber steht da wirklich die Erarbeitung von Wissen und Erfahrung im Vordergrund? Oder das Kennenlernen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit dem Ziel eines späteren festen Arbeitsverhältnisses?
Mit dem Antrag für Bochum wird versucht, die Piratenpartei in dieser Frage eindeutig zu positionieren und Lösungen zu finden, die es für Unternehmen interessanter macht Praktikumsplätze schaffen und die Praktikanten später in ein festes Arbeitsverhältnis zu übernehmen. Diese Forderung ist allgemein gehalten, da es viele Ideen gibt, wie man an diese Aufgabe herangehen kann. Denkbar sind z.B. steuerliche Vergünstigungen oder direkte Kostenerstattungen wenn es zu einem Festvertrag kommt. Gerade für Berufsanfänger wird es so einfacher einen Arbeitsplatz zu finden. Auf der anderen Seite werden klare Forderungen gestellt um den Missbrauch von Praktikanten einzudämmen. Nach 3 Monaten muss ein Praktikant einem regulären Mitarbeiter gleichgestellt werden. Sowohl hinsichtlich der Rechte als auch hinsichtlich der Entlohnung. Ist das nicht möglich, so kann das Praktikum nicht verlängert werden.
Warum diese strenge Forderung? Viele Firmen ersetzen reguläre Mitarbeiter durch Praktikanten und üben damit indirekt Druck auf Löhne und Gehälter aus. Allein dies ist schon Grund genug, strenge Regelungen zu schaffen. Denkt man etwas weiter, erkennt man sehr schnell, dass aufgrund günstigerer Kosten auch günstigere Angebote gemacht werden können und damit der Mitbewerb und dessen Mitarbeiter ebenfalls unter Druck geraten. Dies ist übrigens häufig in Hochschulstädten zu beobachten und betrifft sehr stark HighTech-Branchen wie die Datenverarbeitung. Manche Firmen haben daraus regelrechte Geschäftsmodelle gemacht. So ist es fast schon üblich, dass Praktikanten ihre Nachfolger einarbeiten und ganze Aufgabenbereiche auch langfristig ohne feste Mitarbeiter abgedeckt werden können. Besonders kritisch ist dabei, dass hierbei auch öffentliche Mittel ausgegeben werden ohne den Firmen auch eine Verpflichtung  aufzuerlegen. Typisch ein Satz, der mir im Rahmen der Antragsformulierung zugetragen wurde:
Das Jobcenter Bonn weist neuerdings seine Kunden massiv darauf hin, dem potenziellen Arbeitgeber ein Praktikum anzubieten, also erstmal umsonst zu arbeiten. Die Dauer soll bis zu 6 Wochen betragen, in begründeten Ausnahmefällen bis zu 3 Monate. D.h. in dieser Zeit wird weiter ALG II bezahlt und der Arbeitgeber hat eine Gratisarbeitskraft. Es geht dabei nicht um ein berufsqualifizierendes Praktikum, sondern um jede Art von Tätigkeit, also auch Helfertätigkeiten
Der Antrag PA054 ist ein erster Versuch um die Berufschancen der Praktikanten zu erhöhen und gleichzeitig die Misstände zu vermeiden. Die Umsetzung in die Praxis wird um einiges komplexer. Hierbei gibt es viel Ähnlichkeit und eine enge Verzahnung zu anderen Themen der Arbeits- und Sozialpolitik, besonders bei der Leiharbeit. In diesem Sinne: Lasst uns die Sachen zusammen angehen und das Arbeitsleben gerechter gestalten.

1 Kommentar zu “Klaus Benndorf: Berufspraktika – Eine Chance für die Praktikanten oder ein Geschäftsmodell der Unternehmen

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Ich bin selbst behindert und habe oft Erfahrung wie ich mehrfach Praktikum im grafischen Bereich teilgenommen habe. Was hier in Deutschland abläuft macht mich wirklich nachdenklich. Allein der Begriff „Praktikum“ gehört normalerweise für Schüler bzw. Studenten, die in die Arbeitswelt hineinschnuppern dürfen. Doch ausgerechnet die erwachsene Berüfstätige die dringend auf der Suche nach Arbeitsvertrag sind, landen immer wieder im Praktikum-Mühle und fliegen immer wieder nach dem Praktikum-Zeit raus. Offenbar haben die wirtschaft-denkende Unternehmen genau die Lücken entdeckt. Genau das muss diese Lücken geschlossen werden. Sonst führen bzw. drohen viele Erwachsene, die mehrmals Praktikum teilgenommen haben „Altersarmut“.

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